Hugo ist ein wahrlich imposanter Maremmano-Rüde und bringt mit seinen 47kg und „Allrad“-Motor einiges an Gewicht und Zugkraft mit sich. Gemeinsam mit seiner hündischen Mitbewohnerin „Sarti“ kam Hugo nach einer behördlichen Sicherstellung zu uns ins Tierheim und sucht nun ein passendes Zuhause, in dem er nicht nur für sein starkes Auftreten und damit verbundenem Prestige, sondern für seinen tiefer liegenden Charakter wertgeschätzt wird.
Als Maremmano gehört er zu den Herdenschutzhunden und machte in seinem letzten Zuhause genau das, wofür die Rasse gezüchtet wurde – Haus und Hof bewachen und im Zweifelsfall vor Fremden verteidigen. So hatten es sich auch seine früheren Zweibeiner gewünscht, doch dass dieses Verhalten auch Spuren hinterlässt, wurde ignoriert. Leider kam es mehrfach zu Beißvorfällen, nachdem das Hoftor offenstand oder auch die Hunde beim Spaziergang unangeleint auf andere Passanten oder deren vierbeinige Begleiter los gingen. Leider kann man Geschehenes nicht mehr rückgängig machen, doch wäre es nun an der Aufgabe des neuen Halters, solche Vorfälle in Zukunft zu vermeiden. Im Tierheim arbeiten wir mit Maulkörben, um uns und Andere schützen zu können. Diese ermöglichen uns nun auch ein geeignetes Training, um Hugo einen stressfreien und entspannten Alltag zu ermöglichen, denn eigentlich steckt hinter dem imposanten Auftreten auch viel heiße Luft. Besonders in einer Gruppe mit ähnlich auftretenden Hunden koffert sich die Stimmung schnell hoch, doch alleine wird schnell sichtbar, wie weich der große Kerl eigentlich ist.
Dass sich Herdenschützer sehr fest an ihre Bezugspersonen binden, ist tatsächlich keine Seltenheit und auch Hugo hat innerhalb kürzester Zeit verstanden, dass der vermeintliche Feind auf zwei Beinen eigentlich ein Freund ist. Inzwischen würde er uns am liebsten auf Schritt und Tritt begleiten und begrüßt uns mit freudigem Schwanzwedeln sowie einem kleinen Freudentänzchen, sobald wir Pfleger:innen in Sichtweite sind. Die Skepsis gegenüber Fremden bleibt dennoch bestehen. Auch, wenn er sich die Pöbelei am Zaun inzwischen verkneift, kann er seine allgemeine Reserviertheit nicht verstecken – doch sind wir hiermit bereits zufrieden. Ganz lässt sich die Genetik leider nicht von der Festplatte löschen und mit neuen Verhaltensmustern überspielen, doch haben wir nun eine funktionierende Basis, mit der sich der Kontakt mit Dritten entspannt meistern lässt.
Ein Hund muss sich nicht von jedem streicheln, anleinen oder füttern lassen, doch sollte er dennoch genügend Selbstkontrolle besitzen und die Anwesenheit fremder Menschen akzeptieren können – solange seine Bezugspersonen in der Nähe sind und die Situation ebenfalls im Blick haben. Ja, er war ein Hof- und Wachhund und kennt diese verantwortungsvolle Aufgabe zu genüge, doch sollte man als Hundehalter immer in der Lage sein, diese Entscheidungsfreiheit auch wieder stoppen und kontrollieren können, ohne sich so einfach überstimmen zu lassen.
Bei uns durfte Hugo lernen, sich zurück zu nehmen und auf unsere Einschätzung zu vertrauen. Kann man ihm vermitteln, dass alles in Ordnung ist, vertraut er darauf und nimmt die Pausenzeiten vom „Wachdienst“ dankend an. Besonders ausgiebige Kuscheleinheiten sind eine gern gesehene Ablenkung zum sonst so kühlen Tierheimalltag. Bis man ihm diese schenken kann, benötigt es natürlich etwas Beziehungsarbeit, doch ist diese investiert und der sprichwörtliche Knoten geplatzt, kann er sich endlich fallen lassen.
Nun darf er auch noch lernen, diesen Halt bei den gemeinsamen Spaziergängen anzunehmen. Da er in der Vergangenheit meist sein eigenes Ding machen durfte und man eher nebeneinander, statt miteinander unterwegs war, muss er noch verstehen, was es bedeutet, Rücksicht zu nehmen und seine knapp 50 kg Körpergewicht nur noch dosiert einzusetzen. Zum Glück haben wir inzwischen eine gute Verbindung zu seinem weichen Kern aufgebaut und können ihn zunehmend schneller zum Hinhören bewegen. Mit Ruhe und Gemütlichkeit sind die Spaziergänge so endlich eine entspannte gemeinsame Zeit, statt des früheren Spießroutenlaufs voller Wutausbrüche und ungelenktem Aggressionsverhalten.
Bei all der schönen Entwicklung braucht es dennoch zuverlässige Menschen, die auch die Vergangenheit ernst nehmen und einschätzen können, welch Potential in einem solchen Hund stecken kann. Der Maulkorb wird in Hugos Zukunft weiterhin ein treuer Begleiter bleiben, damit er für seine neuen Menschen ein eben solcher werden darf.