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Die ersten warmen Sonnenstrahlen erhellen unsere, durch den düsteren Winter etwas schwerfällig gewordenen Gedanken, und die frische Frühlingsluft vertreibt mit ihren Düften die letzten Winterdepressionen aus unserem Kopf.

Eine vielleicht etwas zu poetische Einleitung für ein Thema, welches eher ein Horrorszenario für Katzenliebhaber darstellt. Aber es sind genau diese ersten Frühlingstage an denen man versucht ist das eigene Fenster doch auf Kippe zu lassen, weil ja so schöne frische Luft hereinkommt, und dann das Haus verlässt.

Dieses gekippte Fenster wird dann leider oft zu einer lebensbedrohlichen, wenn nicht sogar tödlichen  Falle für unsere Katzen.

Man muss sich die daraus resultierende Situation einmal genauer betrachten, wobei sensible Gemüter diesen Absatz bitte besser überspringen sollten.

Für unsere Kätzchen und Katerchen duftet die Luft also verführerisch nach Liebe und Abenteuer. Es wird also alles versucht diesen Verlockungen nachzugehen, und da stellt ein Kippfenster eine gute Möglichkeit dar der Sache ein wenig näher zu kommen. Der Kopf und der Brustkorb passen dann in der Regel auch problemlos durch die Spalte, weil sich die Katzen mit den Vorderbeinen nach oben drücken. Bei der Landung mit den Vorderpfoten auf der äußeren Fensterbank aber bleiben sie dann hoffnungslos mit den Beckenknochen stecken. Die nächsten Sekunden sind dann entscheidend für das Ausmaß der Schäden. Beginnt die Katze, von wilder Panik ergriffen, mit Befreiungsversuchen rutscht sie unweigerlich mit jeder Bewegung tiefer nach unten wobei der Körper zwischen Rippenbogen und Becken immer mehr zusammengedrückt wird. Dies kann dann zu direkten Schäden der Muskulatur, der Nerven, der inneren Organe und der Wirbelsäule inklusive Rückenmark führen. In diesem Moment ist die Möglichkeit einer Rettung aus eigener Kraft nur noch eine sehr theoretische  und nur die, durch die kläglichen Hilfeschreie der Tiere herbei gerufenen Besitzer oder Nachbarn, können die Tiere noch befreien.

Jetzt hängt viel von der Tatsache ab, wie lange sich die Tiere in dieser Lage befanden. Klinisch sieht man in der Regel bei den betroffenen Tieren eine mehr oder weniger stark ausgeprägte Lähmung der Hinterbeine aber die Symptome können auch bis zum  lebensbedrohlichen Schock reichen. Jetzt ist schnelle tierärztliche Hilfe angesagt.

Ca. 25 % der Tiere überleben das „Kippfenster-Syndrom“, so wird der Unfall von Tiermedizinern bezeichnet, nicht. Zu umfangreich sind die Schäden, die durch die Quetschung, und damit durch die Mangelversorgung mit Blut entstanden sind. Bei den überlebenden Katzen gibt es aber deutlich erfreulichere Langzeitergebnisse, denn ca. 75 % von ihnen zeigen eine vollständige Heilung.

Untersuchungen aus der Schweiz haben ergeben, dass im Anschluss an die  medizinische Erstversorgung der Langzeiterfolg auch maßgeblich von einer Physiotherapie beeinflusst werden kann.

Die lange Zeit nicht mit Blut und Sauerstoff versorgten Muskeln, Nerven, Knochen und Gelenke können in ihrem Heilungsprozess sehr gut mit einer Bewegungstherapie unterstützt werden. In der Regel fängt man möglichst bald nach der Erstversorgung mit leichten Massagen und passiven Bewegungen der Beine an. Das Ziel muss dabei sein, die vollständige Funktion der Hintergliedmaßen wieder herzustellen.

Trotz der neuen Möglichkeiten bleibt das gekippte Fenster eine unter Umständen tödliche, zumindest aber eine sehr schmerzhafte Erfahrung, die wir unseren Schützlingen ersparen sollten.

Verhindern kann man solche Situationen nur durch Vorbeugung. Fenster sollten in Ihrer Abwesenheit immer geschlossen bleiben, oder mit entsprechenden Vorrichtungen ausbruchsicher gesichert werden. Aber auch wenn Sie zu Hause sind müssen Sie ein gekipptes Fenster und Ihre Lieblinge gut im Auge behalten.

Denken Sie bitte an meine poetische Einführung und lassen Sie Ihre Sinne von der frischen Frühlingsluft schärfen, für ein nicht zu unterschätzendes Gefahrenmoment in unseren Wohnungen.

Ihr Dr. Schäfer