| ...oder einen erwachsenen Hund? |
| Einen erwachsenen Hund aufzunehmen kann eine Aufgabe sein, die viel
Geduld und Einfühlungsvermögen erfordert. Wir haben Ende 1999 einen Rüden vom Tierheim übernommen, nachdem wir etliche Male sonntags mit ihm und unserer Hundedame spazieren waren. So konnten wir einen groben Eindruck von dem Hundeherrn bekommen. Außerdem hatten die Hunde die Möglichkeit, sich ein bisschen aneinander zu gewöhnen. Während dieser Gassigeh-Zeit hatten wir über ein Wochenende den Rüden einer Bekannten "ausgeliehen" (es hatte sich gut getroffen, sie hätte sowieso einen Hundesitter benötigt ;o)))...), um zu sehen, wie sich unsere "Kleine" einem Dauergast gegenüber verhält. Es war nicht einfach für sie, ihr Revier auf einmal zu teilen. Die erste Nacht musste der arme Kerl im Flur verbringen. Sie hatte ihm nichts böses getan, ihn nur immer wieder in seinen Bereich (sprich: auf seine Decke) zurückverwiesen. Nach zwei Tagen und Nächten hatte sie ihn aber so weit akzeptiert, dass er in der Wohnung überall Zutritt hatte. Das war ein gutes Zeichen. Es war also ohne größere Probleme möglich, einen weiteren Hausgenossen aufzunehmen. Zudem konnte ich für mich beim Gassigehen ausprobieren, ob ich mit beiden Hunden an der Leine zurecht komme. Wir können ja nicht immer zu zweit spazieren gehen. Deshalb war das für mich ein wichtiges Kriterium. Zwei angeleinte Hunde, das war schon etwas gewöhnungsbedürftig, aber es hat geklappt. Somit war auch der nächste Punkt geklärt. Unsere Hundeschulenerfahrung nutzten wir beim Spazierengehen auch und fingen mit "Sitz" und "Komm" an zu üben. Wir stellten fest, dass er unheimlich gerne lernte und sich von unserer Hundelady einiges abschaute. Im Haus selbst war es ebenfalls kein Problem, einen zweiten Hund zu halten. Also stand dem nichts mehr im Wege. Wir holten unseren "Neuen" ab. Nun begann das eigentliche Abenteuer. Wir wussten so gut wie nichts über ihn, außer dass wir bei Kindern und anderen Hunden vorsichtig sein sollten und dass er eventuell nicht stubenrein sein könnte. Er kannte gar nichts. Weder die Hundesprache noch Haushaltsgeräusche waren ihm bekannt. Er hatte Angst vor allem und war sehr misstrauisch allen Personen gegenüber. Er konnte keine Treppen laufen, brachte sich bei vorbeifahrenden Autos panikartig in Sicherheit (von LKWs ganz zu schweigen), die Wasserschüssel wurde überaus argwöhnisch beäugt, wenn einer von uns die Hand oder den Fuß hob, dann zog er blitzartig Kopf und Schwanz ein und duckte sich ganz klein. Das sind nur einige Beispiele. Mit viel Geduld, Liebe, Konsequenz und Leckerlis konnten wir im Laufe der Jahre eine Vertrauensbasis aufbauen, ihm nach und nach vieles lernen. Unsere Hundedame hat uns dabei ganz prima unterstützt. Nun springt er auf Strohballen herum, flüchtet nicht mehr vor dem Staubsauger in die letzte Ecke der Wohnung, geht mit uns und anderen Hunden und Menschen spazieren, lässt sich von Kindern bürsten und krabbeln, ... Wenn er sich abends in seinen Korb kuschelt oder mit seiner Hundefrau gemeinsam vor dem Ofen liegt und wir zwei zufriedene Seufzer zu hören bekommen, dann macht uns das sehr glücklich. Es war sehr viel "Arbeit", die sich aber auf jeden Fall gelohnt hat. Er hat sich zu einem (fast) ganz normalen Hund entwickelt, zu einer riesen Schmusebacke. Nicht jeder erwachsene Hund hat Probleme in dieser Art. Bedenken Sie, was ein Hund alles erlebt haben kann oder auch nicht. Jeder Hund ist auf seine Art einzigartig. Man sollte bereit sein, sich auf das jeweilige Tier einzustellen und ihm das geben, was es braucht.
Britta Röser roeser@tierheim-aschaffenburg.de
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